Autor Thema: Hochbegabung und Waldorfschule  (Gelesen 2913 mal)

Offline song1245

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Hochbegabung und Waldorfschule
« am: 9. April 2006, 23:26:14 »
Hallo,

ich bin schon etwas älter (32) und mache gerade eine Ausbildung zum Heilpädagogen. Da ich im Rahmen der Ausbildung einen hochbegabten 10 jährigen Jungen kennengelernt habe, sind bei mir viele Fragen entstanden. Selber hatte ich immer meine Schwierigkeiten über den Sinn der Schule. Obwohl ich nicht der beste war, fand ich es nur langweilig.
Ich würde euch gerne ein paar Fragen stellen, wenn dies ok ist.

1. Gibt es jemanden hier, der auf eine Waldorfschule geht, und wie wird
dort seine Hochbegabung gefördert?

2. Was vermissen Hochbegabte?

3. Wie sollte man als Pädagoge auf Hochbegabte Schüler eingehen?

Auf ein paar Antworten würde ich mich freuen. :-)))

Offline JanZ

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Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #1 am: 10. April 2006, 19:40:14 »
Hallo song1245,

uff, die Beantwortung deiner Fragen kann Stunden dauern :). Daher möchte ich dir erst einmal ein paar Verweise liefern: Ein paar Antworten zu 2. und 3. findest du auf unserer Homepage unter http://www.kubus-online.net/index.php?page=hochbegabung . Und natürlich auch hier im Forum, besonders in dem Teil, in dem wir uns gerade befinden. Viel Spaß schon einmal damit und natürlich auch mit den anderen Antworten, die hoffentlich kommen.

Viele Grüße,

JanZ

Offline Schizophrenia

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Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #2 am: 10. April 2006, 21:39:22 »
Hallo song1245,

ich kann zumindest auf deine erste Frage antworten, ich habe nämlich die komplette Schulzeit an einer Waldorfschule verbracht.

Für eilige Leser gibt es eine Zusammenfassung am Ende des Beitrags  :d_pfeid:

Zitat

Original von song1245:

1. Gibt es jemanden hier, der auf eine Waldorfschule geht, und wie wird
dort seine Hochbegabung gefördert?


Ich habe es so erlebt, dass man eher die Bereiche gefördert und gefordert wurde, die einem nicht so lagen. Ich hatte z.B. mal ein paar Wochen lang Einzelunterricht, in dem ich Gleichgewichtsübungen und so machen musste (ist schon laaange her, kann mich kaum dran erinnern) und ein paar Stunden Heileurhythmie, wo ich unter anderem mit den Füßen malen sollte *sich ganz dunkel erinnert*. Für Leute, die Schwierigkeiten mit den Hausaufgaben hatten, gab es eine Hausaufgabenbetreuung.

Weiter wurden wir gefördert und gefordert, indem wir alle unterschiedslos die gleichen Fächer belegen mussten (nur Latein und das Oberstufenorchester waren freiwillig). Das betrifft z.B. Werken (6.-10. Kl.), Eurhythmie (1.-13. Kl), Handarbeit (1.-10. Klasse), Gartenbau (6.-9. Kl), aber auch Französisch (1.-11. Kl., im Abi freiwillig), Englisch (1.-13. Kl) Physik (6.-12. Kl.), Chemie (6.-12. Kl) und Bio (4.-13. Kl.). Dito für die sozialwissenschaftlichen Fächer. Aus lehrplantechnischen Gründen musste meine Klasse auch noch komplett Deutsch Leistungskurs machen, das war aber eine inzwischene behobene Spezialität.
Und an Waldorfschulen führt jede achte und jede zwölfte Klasse ein Theaterstück auf, bei dem jeder mithelfen und auch auf der Bühne stehen muss, wenigstens mit einer kleinen Rolle. Dazwischen werden regelmäßig kleinere Theaterstücke, Gedichte und Lieder aufgeführt.
Oh, und bei uns musste die gesamte Oberstufe im Chor singen. Grässlich! Aber so hat auch der unmusikalischste, unmotivierteste mal erlebt, wie toll es ist, die Carmina Burana, Mozarts Requiem oder Lion King aufzuführen.

Einiges davon, etwa Sport, Werken, Gartenbau, Biologie ... habe ich gehasst, aber ich empfinde es trotzdem als Förderung, dass ich das alles mal gemacht habe.
Hey, letzte Woche habe ich mir Strickzeug gekauft und stricke jetzt in einigen Jura-Vorlesungen, weil ich mich dann besser auf die Vorlesungsinhalte konzentrieren kann.

Es gab vereinzelt auch Förderung in dem Sinne, dass die besonders Flotten zusätzliche Aufgaben bekamen, vor allem natürlich in Mathe.

In Mathe wurden auch häufig die, die mit ihren Aufgaben schon fertig waren, aufgefordert, den anderen zu helfen / bei Fragen zur Verfügung zu stehen.

Ansonsten wurde in der Oberstufe regelmäßig auf außerschulische Tagungen, Akademien etc. hingewiesen.

Wer wollte fand aber auch im Schulalltag immer wieder die Gelegenheit, sich besonders zu engagieren und sich so quasi selbst zu fördern - indem man sich bei den Theaterstücken hervortut, sich freiwillig meldet, um seinen Aufsatz vorzulesen (und sich natürlich vorher Mühe gibt, ihn zu schreiben ;-), als Klassensprecher etc.

Wer sich traute, konnte in der Oberstufe auch Unterrichtsteile übernehmen. Ich habe mal Stimmproben (s. o. Pflichtchor) geleitet und eine Arie aus dem W0 einstudiert, all sowas.

Außerdem gibt es an Waldorfschulen schon seit langem die Möglichkeit einer Jahresarbeit während der 12. Klasse, wobei man sich völlig frei (ruhig fächerübergreifend oder abseits des Fächerkanons) ein Thema wählt, zu dem man eine praktische und eine theoretische Arbeit anfertigt. (Gibt's seit 2005 auch im hessischen Abitur, heißt dort "besondere Lernleistung" und ist fünftes Prüfungsfach, allerdings alternativ zu einer Präsentation oder einer mündlichen Prüfung.)

Was es nicht gab und vermutlich an kaum einer (Waldorf)schule gibt, ist eine Förderung von Hochintelligenten, die auf deren eventuell spezielle Denkweise abgestimmt ist.

Was mich oft gestört hat, ist das langsame Unterrichtstempo. Ich hätte mir oft ein höheres Tempo und höhere Ansprüche gewünscht. In der 9. Klasse wollte ich deshalb aufs Gymnasium wechslen, habe aber dann bei einer einwöchigen Visitation festgestellt, dass der Unterricht auf dem angeblich besten Gym der Stadt auch nicht besser ist. Die haben zwar mehr Stoff durchgenommen (v. a in den Naturwissenschaften, ich habe seitdem nie wieder den Begriff "Mol" gehört) , hatten aber tendenziell schlechteren Unterricht (war einfach öde) und einen chaotischen Lehrplan.

Meiner Denkweise entsprach es sehr und ich habe mich immer wieder darüber gefreut, wenn es mir auffiel, wie relativ sorgfältig die Lehrpläne der einzelnen Stufen und Fächer bei uns aufeinander abgestimmt waren. [/b]

Auch der Lehrereinsatz war beeindruckend - als ich mit den Wechselgedanken schwanger ging, habe ich nicht nur die Woche freibekommen für die Visitation, sondern unser Klassenbetreuer hat uns besucht und von 20h bis Mitternacht mit meinen Eltern und mir (!) geredet (meist hat er geredet und wir haben zugehört; er ist eine ziemlich Labertasche  :biggrin: ). Dabei hat er - was Waldorflehrer vor allem in der unter- und Mittelstufe nicht so gerne tun, leider - erklärt, warum ich mich mit recht so langweile: Weil an unserer Schule die 9. Klasse diejenige ist, in der die Leistungsschwächeren noch mal "gepusht" werden. Er hat damals Stein und Bein geschworen, dass der Unterricht für mich interessanter würde, je näher wir uns aufs Abi zu bewegen. Und er hat Recht behalten.  :teufel:  

Ab der elften hatte ich eine tollen Deutschlehrer, da wurde sogar mein Freund eifersüchtig, wenn ich schon wieder von dem schwärmte  :augenroll:  aber er hat mich definitiv zu Höchstleistungen herausgefordert und dabei geduldig meine Anfsätze auch außer der Reihe korrigiert, Lektüre verliehen und auch nach 22h noch Anrufe entgegen genommen (nicht nur von mir).

Eine Art Erleuchtungserlebnis (oh je, das klingt ja schlimm) hatte ich in der elften Klasse:
Im Sport sollten wir zu zweien Pritschen üben (also für Volleyball), und zwar immer ein guter und ein schlechter Spieler gemeinsam. Ich gehörte definitiv zu den schlechten und übte mit Paul. Paul wiederholte die Klasse. Er war sehr nett, aber das Periodensystem der Elemente bereitete ihm echt Schwierigkeiten (und zwar auf dem allerniedrigsten Niveau!); auch sonst war er keine große Leuchte. Und Paul hat mir innerhalb einer halben Stunde so viel Volleyball beibegracht wie unser Lehrer vorher in drei Jahren. Und Spaß hat es auch noch gemacht. (Dabei habe ich Volleyball die meiste Zeit gehasst.)

Das hat mich von der prinzipiellen Idee der IGS überzeugt (denn nichts anderes ist die Waldorfschule ja vom Grundgerüst her).

Hier wird oft gestöhnt darüber, wie langweilig die Schule ist und wie unterfordert wir sind. Ich erinnere mich noch gut daran, und es _ w a r _ schlimm.

Aber die Lösung dafür sind mMn nicht immer homogenere Klassen. Wir müssen doch eh lernen, mit Leuten unterschiedlicher Intelligenz und Begabungen umzugehen.
Die deutsche Selektionsbegeisterung zementiert lediglich die bestehenden Ungerechtigkeiten (Zusammenhang Elternhaus - Schulabschluss, geringschätzung von "Berufen der Faust" gegenüber "Berufen der Stirn").

Ich sehe die Lösung eher in einer besseren Ausbildung und sorgfäligen Selektion der Lehrer. Die müssen lernen, guten Unterricht zu machen. Schließlich langweilen nicht nur wir uns; vielen mittelmäßigen und schlechten Schülern geht es grade genauso. Zu der Ausbildung sollte dann auch ein ordentliches Verständnis von und Umgehen können mit Hochbegabung gehören.

Zusammenfassende Antwort

a. Es gibt keine Hochbegabtenförderung, die von speziell ausgebildeten Lehrern oder unter Berücksichtigung eventueller besonderer Denkweisen von Hochintelligenten gehändelt wurde.

b. Es gab teilweise zusätzliche Aufgaben, vor allem in Mathe und den Naturwissenschaften.

c. Es gab verschiedentlich Möglichkeiten, sich besonders zu engagieren und dabei auch viel zu lernen, allerdings eher in der Ober- als in der Unterstufe.

d. Ansonsten hängt die Förderung vom Lehrer ab und ist damit Glückssache.

e. Prinzipiell versucht die Waldorfschule eher, gleichmäßig zu fördern und kitzelt eher mal an Schwächen als an Stärken.

Puuuuuh.
Ich will gleich noch auf die zweite Frage antworten, aber dafür gönne ich uns mal einen neuen Beitrag  :teufel:

Bis gleich,
Schizophrenia
« Letzte Änderung: 10. April 2006, 21:51:44 von Schizophrenia »

Offline Schizophrenia

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Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #3 am: 10. April 2006, 21:48:42 »
Zitat
Original von song1245:

2. Was vermissen Hochbegabte?


Ich habe vermisst, dass mein Lernbedürfnis und mein Leistungsvermögen ernstgenommen werden. Ich wäre schon zufrieden gewesen, wenn die Lehrer von mir mehr erwartet hätten und mich nicht so einfach mit Einsen und Zweien abgespeist hätten. Hatte immer wieder das gefühl, damit ruhiggestellt zu werden. Ach, wenn doch wenigstens einmal ein Lehrer sich getraut hätte zu sagen: Im Verhältnis zu den Leistungen der Klasse ist das vielleicht eine Eins, aber Sie hätten noch mehr gekonnt und deshalb gebe ich Ihnen nur eine zwei.

Meine Güte, ich bin sogar zu den Lehrern hingegangen und habe gebeten, dass sie mir zusätzliche Aufgaben geben oder mich strenger korrigieren. Nichts hat's geholfen!  

*frustriert bin*

LG
Schizophrenia


Offline der_smo

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Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #4 am: 11. April 2006, 13:10:43 »
Hallo,

nach dem, Schizophrenia schreibt, zeichnete sich die Schule vor allem durch ein großes Engagement von Seiten der Lehrer aus. Es gibt aber auch "normale" Schulen mit engagierten Lehrern, das ist natürlich Glückssache. Natürlich weiß ich nicht, ob an einer Walldorfschule die Lehrer grundsätzlich aktiver sind.

Ich habe z.B. auch sehr viel Glück mit meinem Gymnasium gehabt, das zudem eine Montessori-Schule war, d.h. bis einschl achter Klasse gab es Schulstunden, die zur eigenen Erarbeitung von Projekten reserviert waren. Auch hier gab es neben dem Unterricht feste Einrichtungen wie Orchester, Chor, Theatergruppe, politische Gruppen, Musical-Aufführungen, Schulgarten, Sport etc., nur die Teilnahme war natürlich freiwillig (wurde aber positiv auf dem Zeugnis vermerkt).
Ich (der nie eine Walldorf-Schule von innen gesehen hat) würde daher behaupten, dass es verglichen mit einem "guten" Gymnasium keine Vorteile gibt.

Nach dem, wass ich insbesondere über Studienanfänger gehört habe, bin ich sogar eher negativ eingestellt. Dazu füge icn nochmal das Zitat von Schizophrenia ein:

Zitat

Was mich oft gestört hat, ist das langsame Unterrichtstempo. Ich hätte mir oft ein höheres Tempo und höhere Ansprüche gewünscht. In der 9. Klasse wollte ich deshalb aufs Gymnasium wechslen, habe aber dann bei einer einwöchigen Visitation festgestellt, dass der Unterricht auf dem angeblich besten Gym der Stadt auch nicht besser ist. Die haben zwar mehr Stoff durchgenommen (v. a in den Naturwissenschaften, ich habe seitdem nie wieder den Begriff "Mol" gehört) , hatten aber tendenziell schlechteren Unterricht (war einfach öde) und einen chaotischen Lehrplan.


Ich habe von Physik-Studienanfängern gehört, die von einer Walldorfschule kamen und meinten "Sinus? Cosinus? Was ist das? Braucht man das?".
Dass man die Berechtigung, z.B. Chemie, Physik oder Mathematik zu studieren erhält, ohne etwas mit "Sinus" oder, siehe obiges Beispiel, "Mol" anfangen zu können, halte ich für bedenklich. Mein Eindruck ist, dass eine Walldorfschule eine schlechte Vorbereitung auf das Studium bietet, zumindest im Naturwissenschaftlichen Bereich. Wie ist es in den anderen Bereichen?

Ok aber das ist nur mein Eindruck und ich habe wirklich keine Ahnung, ich lasse mich also gerne eines besseren belehren.

Gruß,

der_smo



« Letzte Änderung: 11. April 2006, 13:11:36 von der_smo »

Offline amens

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Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #5 am: 11. April 2006, 13:31:52 »
Schizophrenia: In wie fern wird in einer Waldorfschule auf den lieben Herrn Steiner eingegangen? Ich hätte vermutlich einige Probleme damit, von einer Schule unterrichtet zu werden, die sich auf diesen geliebten Anthroposophen beruft (unsere Waldorfschule heißt offiziell Rudolf-Steiner-Schule).

Offline Johann

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Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #6 am: 11. April 2006, 17:07:28 »
Ich muß gestehen, dass ich ein Gegner von Waldorfschulen bin.
Es ist nicht effektiv, wie an Waldorfschulen gearbeitet wird.
Was für Leute sind eigentlich so in Waldorfschulen zu finden ?

Krümel

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Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #7 am: 11. April 2006, 19:23:15 »
Leute wie ich!  :biggrin:

Ansonsten entscheiden das ja eher die Eltern...
Und es gibt dort Hochbegabte und Normalbegabte und Menschen, die man eben auch auf nem Gymnasium oder einer Gesamtschule antrifft. Die Schüler sind also nicht anders, falls du das wissen wolltest.  :augenroll:

Ach ja, und für die, die während der Schule zur Uni gehen wollen gibt es auch Förderangebote. Hat mein ehemaliger Klassenlehrer in die Wege geleitet. Jo, zumindest an meiner ehemaligen Schule ist da alles wie sonst auch, nur dass wir eben noch Eurythmie haben, aber im ABI war das auch kein Thema mehr.

Krümel

Offtopic:
Und wie bei allen Klischees würde ich doch empfehlen eigene Erfahrungen zu machen als nur dem Klischee zu folgen. Die Frau, die damals mit mir nen IQ-Test durchgeführt hat meinte zB dass ich ja "vergleichbar mit Hochbegabten" sei, aber nur aufgrund von Klischees! Mein Verhalten, mein "logisches" Denken (was ich doch arg bezweifle) und mein "EQ". Sozial wäre ich ja nicht so die Leuchte und das hat sie dann daraus geschlossen.  :augenroll:
Mein Testergebnis passte dann zwar nicht ganz, aber ich wäre ja auch "bockig" gewesen und ob ich was gegen sie hätte und bla bla bla. Das müsse man ja auch alles miteinbeziehen. Aber ich bin vielleicht auch einfach immer so! *g*
Also ich wäre da sehr vorsichtig mit diesen ganzen Vorurteilen... Manchmal stimmts halt nicht und alles ist doch gar nicht so wie es scheint...  :augenroll:
« Letzte Änderung: 11. April 2006, 19:31:01 von Krümel »

Offline Schizophrenia

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Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #8 am: 11. April 2006, 21:21:47 »
Zitat
Original von Johann:
Was für Leute sind eigentlich so in Waldorfschulen zu finden ?


Na, und eben Leute wie ich. Und dann auch noch Leute, die ganz anders sind als Krümel oder ich.  :augenroll:

Zitat
Es ist nicht effektiv, wie an Waldorfschulen gearbeitet wird.


Doch, effektiv fand ich es schon.
Kognitives Lernen in der Schule ist generell ineffizient (meintest du das?), das ergibt sich schon aus der Anwesenheitspflicht.

@der_smo:
Gute / schlechte, mehr / weniger engagierte Lehrer findet man überall, das stimmt.

Es stimmt weiter, dass die Waldorfschulen einen sprachlich-künstlerischen Schwerpunkt haben und deshalb die Naturwissenschaften zu Ende hin etwas vernachlässigen (auch wenn sie das meistens nicht zugeben).

Ich finde das auch sehr schade, aber so ist eben der Schwerpunkt, und als Schüler weiß man das und kann ggf. wechseln. Wer dort bleibt und hinterher Medizin oder eine Naturwissenschaft studieren will, muss halt ein bisschen Stoff nachholen, aber sooo viel ist das nun auch wieder nicht, und wer sich dafür interessiert, für den ist das kein großes Problem. Es gibt ja auch massenhaft Theologen, die zunächst das Latinum nachholen  müssen, weil sie in ihrer Schulzeit eben andere Schwerpunkte gesetzt haben.

Zitat
Dass man die Berechtigung, z.B. Chemie, Physik oder Mathematik zu studieren erhält, ohne etwas mit "Sinus" oder, siehe obiges Beispiel, "Mol" anfangen zu können, halte ich für bedenklich.


*erleichtertbin* Sinus, Cosinus etc. haben wir mal durchgenommen, gottseidank. Uuund wir haben auch Vektorrechnung, projektive Geometrie und Kombinatorik in Mathe gemacht, obwohl's nicht auf dem Gymnasiallehrplan steht. *Schweißabwisch*

Ich finde es viiiiiel schlimmer, dass Leute Lehramt studieren dürfen, denen nichts anderes eingefallen ist "und dann mach ich halt Lehramt, dann kann ich ja notfalls immer noch Lehrer werden". Und glaub mir, solche Leute gibt es zuhauf, und viel zu viele werden hinterher tatsächlich Lehrer. Allerdings selten Waldorflehrer  :biggrin:

Oder, um ein besser vergleichbares Beispiel zu nehmen:
Wieso dürfen Leute  studieren, die Schwierigkeiten haben, sich ordentlich schriftlich auszudrücken? Meine Mutter studiert Motologie und findet auf jeder Folie ihrer Dozenten mindestens einen Rechtschreib- oder Tippfehler! Wenn das nicht peinlich ist.
Wieso  dürfen Leute Jura studieren, die nicht mal in der Lage sind, einen einfachen Text zu lesen und zu verstehen? Die, wenn im Sachverhalt steht: "F hätte das Handy des W nicht benutzen können, da dessen Akku leer war", schreiben: "F hätte ja das Handy des W benutzen können". In der letzten Strafrecht-I-Klausur haben von ca. 350 Leuten tatsächlich etwa ein Dutzend sowas geschrieben!!!  
Und Deutsch ist unsere Muttersprache!

Sorry, jetzt musste ich mich mal kurz aufregen. Aber vielleicht verstehst du, worauf ich hinaus will?

Dann könnten wir vielleicht zum Thema zurückkehren - zu den beiden letzten Fragen von song1245 könnt ihr ja bestimmt auch was schreiben.

LG
Schizophrenia

Offline Toni

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Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #9 am: 1. Mai 2006, 22:11:55 »
Hallo,
da ich nicht auf einer waldorfschule bin,kann ich nur auf die 2. und 3. Frage antworten!

2. Was vermissen Hochbegabte?

Ich vermisse an der Schule das eigenstaendige Denken, bei uns laeuft der Unterricht sehr lehrergesteuert ab : Der Lehrer sagt etwas, der Lehrer schreibt etwas an die Tafel, wir schreiben es ab.
Fuer den naechsten Test sollen wir das Tafelbild auswendig lernen und vllt. eine Anwendung davon hinschreiben, die wir haeufig genau so im Unterricht gemacht haben.
Beispiel Geographie: Wir lernen, welche Wolken es gibt, wie Wolken gebildet werden etc.
Im Test sollen wir die beiden Wolkenbildungsarten hinschreiben, erklaeren, was dabei pasiert und welche Wolken entstehen.
Dann gibt es zwei Fachbegriffe, die wir definieren sollen und las ZUSATZAUFGABE sollen wir die Temparaturschwankungen in der Sahara erklaeren, was ganz zufaellig in unserem Heft steht.
Auch vermisse ich die Differenzierung und das Engagement einiger Lehrer,
Zitat von meiner Mathelehrerin: Es ist nicht meine Aufgabe, dir Aufgaben zu geben, wenn du fertig bist.
Oder auch: Ich weiss, dass du es kannst, aber mach es einfach noch mal.
Und mir fehlt die Praxisbezogenheit. Wenn man den Leuten erklaert, wofuer die Sachen spaeter gut sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie es wirklich lernen m.M.n. groesser.
Auch fehlen mir weiterfuehrende Aufgaben oder aehnliches.
Des Weiteren fehlen mir Herausforderungen und eigenstaendiges Arbeiten.


Offline Wölfie3

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Re:Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #10 am: 30. Oktober 2009, 14:49:02 »
@ Johann: es gibt halt viele klichees über waldorfschüler,manche stimmen auch,aber im grunde gibt es dort wahrscheinlich nur eine höhere rate von leuten die bio essen.vielleicht ziehen sich auch die in der unterstufe "bio-mäßig" an,aber nur wegen der eltern und was soll man auch sonst machen?

@ song1245:
zu frage1:wie schon gesagt,man wird nicht wirklich gefördert/gefordert.

zu frage 2: ich persönlich vermisse es ernstgenommen zu werden.die lehrer auf meinen schulen waren schon ok,man probiert ja an der waldorfschule auch auf die kinder einzugehen,aber neulich hat mein geographielehrer im mündlichen test behauptet dass es einmal im monat eine mondfinsternis gibt (naja,es lirf darauf hinaus) und wollte es dann lieber nicht so genau erklärt kriegen wie es in echt ist.
in französisch fragte ich einmal nach einem ähnlichen wort und die lehrerin war so verdutzt dass sie nur meinte jetzt würde ich das ja nicht brauchen...
selbst wenn man tota ernst eine ernstgemeinte frage zum thema stellt,kann ma nicht immer mit einer antwort rechnen,diskutieren finden die meisten zu peinlich.
Ich freue mich wenn es regnet denn wenn ich mich nicht freue regnet es auch.

Offline Foochur

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Re:Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #11 am: 4. November 2009, 18:43:32 »
Ich muß gestehen, dass ich ein Gegner von Waldorfschulen bin.
Es ist nicht effektiv, wie an Waldorfschulen gearbeitet wird.
Was für Leute sind eigentlich so in Waldorfschulen zu finden ?

Vl Leute die keine Lust haben bloß "Effektiv" zu Arbeiten. Der Zeitpunkt im Leben wo Effiziens zählt kommt früh genug. Ich bin beinahrter Informatik-Nerd und hab sehr von dem drumrum und den engagierten Lehrern profetiert.
Gibet halt wichtigere Dinge im Leben als Wissen.
gruß
"Heavier-than-air flying machines are impossible."
Lord Kelvin, president, Royal Society.

Offline Schlumpf

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Re:Hochbegabung und Waldorfschule
« Antwort #12 am: 27. November 2009, 19:11:14 »
Ich selbst bin auch auf einer Waldorfschule, mittlerweile allerdings im 13. Schuljahr, wo die Waldorfzeit ja offiziell abgeschlossen ist und nach staatlichen Lehrplänen unterrichtet wird.

1. Gibt es jemanden hier, der auf eine Waldorfschule geht, und wie wird dort seine Hochbegabung gefördert?

Hochbegabung direkt spielt in der Waldorfpädagogik überhaupt keine Rolle. Das liegt vor allem daran, dass man dort bestimmte Vorstellungen davon hat, in welchem Alter ein Kind etwas können sollte (es gibt Klassen, die fangen erst im zweiten Schuljahr mit dem Schreiben an) und es da natürlich nicht so gern gesehen ist, wenn ein Kind "aus dem Rahmen fällt" und den Unterrichtsbetrieb durcheinander wirbelt. Insofern bin ich sehr froh, in den untersten Klassen nicht auf der Waldorfschule gewesen zu sein. Andererseits ist es für Hochbegabte sicher von Vorteil, dass die meisten Lehrer die Einzelinteressen jedes einzelnen Kindes (hochbegabt oder nicht) fördern und ihnen bei dem, was sie lernen und was nicht, eher freie Hand lassen. So bekommt man natürlich die Möglichkeit, sich mehr auf persönliche Interessengebiete zu konzentrieren und das, was einen nicht so anspricht, einfach mal auf die lange Bank zu schieben. Das kann natürlich auch ein Nachteil sein, da es sich in den höheren Klassen womöglich rächt und es Leute gibt, die einen gewissen Druck zum Lernen brauchen. Aber auch das ist eine Frage der Persönlichkeit, nicht der Intelligenz.

2. Was vermissen Hochbegabte?

Ich hab nicht direkt etwas vermisst, aber wenn ich was zu kritisieren habe, dann sind es auf jeden Fall 90% der Waldorflehrer, die den Kindern was vorgaukeln und Schülern, die auf jedem staatlichen Gymnasium bestenfalls eine 3- für eine Analyse, etc. bekommen hätten, mal eben 'ne 2 geben - oder einem eine Latein-Klausur mit der Note 4- zurückgeben und dabei sagen: "Das ist doch eigentlich ganz gut!" (bei mir wirklich so passiert). Das ist wirklich so an Waldorfschulen. Die Kinder werden in Watte gepackt und denken, das wird schon alles, und am Ende der Schulzeit, wenn man kurz vorm Zentral-Abi steht, merkt man erst, was die da eigentlich von einem fordern und ist total überrumpelt davon, wie schlecht man eigentlich ist. Es gibt da so gut wie keinen, der schon mal auf den Tisch haut und einem 15-jährigen sagt, dass er unbedingt anfangen muss, zu lernen. Natürlich darf man Kinder nicht übermäßig unter Druck setzen, aber mit dem Gegenteil tut man ihnen auch keinen Gefallen.

3. Wie sollte man als Pädagoge auf Hochbegabte Schüler eingehen?

Keine Ahnung, das kommt auf die Person selbst an. Ich bin so der Typ, der sich nur mit dem beschäftigt, was ihn interessiert, und alles andere links liegen lässt. Insofern könnte ich vor allem hin und wieder mal 'nen Tritt irgendwohin benötigen  :-\


Edit: Sehe gerade, dass der Thread fast aus der Steinzeit stammt. Na ja, egal, dann war's halt eine Schreibübung  ;)