Autor Thema: Was ist Polemik?  (Gelesen 1820 mal)

Offline Ratatoskr

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Was ist Polemik?
« am: 1. August 2008, 10:52:45 »
Durch Lukos' Nachfrage versuche ich mich mal an einer Definition:

Polemik ist die Beteiligung an der Diskussion, um die Diskussion zu gewinnen, nicht um Meinungen auszutauschen oder zu einem Konsens zu kommen. Mit unterschiedlichen rhetorischen Stilmitteln (wie z.B. dem Strohmann-Argument: http://de.wikipedia.org/wiki/Strohmann-Argument) ist es die Möglichkeit, meist knapp unter der Schwelle der Beleidigung scharfe und einseitige Äußerungen von sich zu geben. Dem Polemiker fehlt das Verständnis dafür, dass sein Diskussionspartner auch ein Mensch ist und das Wohlwollen dieser Person gegenüber. Der Polemiker ist "auf Krawall gebürstet", er möchte sich streiten und andere Leute provozieren.

Seht ihr das anders? Wenn ja, wie?
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Offline Apocalypnosis

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Was ist Polemik?
« Antwort #1 am: 1. August 2008, 11:44:10 »
Man muss betonen, dass hinter Polemik durchaus sachlich korrekte Argumente stehen können, Betonung auf "können", also nicht "müssen". Polemik ist ein wichtiges Mittel gesellschaftlicher Auseinandersetzung und beispielsweise aus der Politik nicht wegzudenken. Gleichzeitig ist es aber auch eine sehr anstrengende Form der Auseinandersetzung, weil sie hauptsächlich konfrontativ aufgebaut ist. Gefährlich wird Polemik da, wo sie sich mit Unsachlichkeit und Halbwissen verbindet. Hier besteht sehr schnell die Gefahr, in Populismus umzuschlagen, also mit Hilfe einfach klingender "Wahrheiten" komplexe Probleme erklären und lösen zu wollen (der Klassiker: "Nur wegen der vielen Ausländer finden die Deutschen keine Arbeitsplätze mehr"). Absolut ungeeignet ist Polemik für wissenschaftliche Diskussionen. Die Wissenschaft lebt davon, dass Ideen offen behandelt werden, ja, dass man sogar selbst Schwächen der eigenen Position offenbart und versucht, diese mithilfe des Diskussionspartners aus dem Weg zu räumen. Bei einer wissenschaftlich orientierten Diskussion geht es in erster Linie um das Finden von Wahrheit und optimaler Lösung und diese Aufgabe versuchen die Teilnehmer gemeinsam zu lösen. Ein "guter" Wissenschaftler fühlt sich deshalb auch nicht gekränkt, wenn er seine Position räumen muss, schließlich geht es um Wahrheitsfindung und nicht um das Gewinnen. Im Gegensatz dazu ist Polemik rein auf das Gewinnen der Diskussion ausgelegt, unabhängig davon, ob der Anwender dieser Technik auch tatsächlich die tauglichere Position vertritt. Es kann sogar soweit gehen, dass eine dauerhafte Schädigung (Reputation, Ansehen, psychische Verletzungen) des Diskussionspartners nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern sogar gezielt angestrebt werden.
Glaubst du noch oder denkst du schon?

"Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Denn jedermann ist überzeugt, daß er genug davon habe." René Descartes

Offline Daphnis

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Antw:Was ist Polemik?
« Antwort #2 am: 25. Juni 2018, 23:12:57 »
Unter Berücksichtigung der Wortherkunft - gr. polemós (Krieg) - scheint mir die Polemik eine linguistische Ansicht zu sein, welche die Sprache als rhetorische Waffe interpretiert und einsetzt. Polemik, denke ich, geht auch mit einer ordentlichen Portion Zynismus einher.
Heutzutage wird Polemik ferner auch als Synonym zu geistiger Provokation gebraucht, die sicherlich keinen Konsens fördert, aber durchaus zu einer radikalen Neubesinnung aufruft; zumindest versucht der Polemiker dies zu bewirken. Er versucht, den „Wer-hat-Recht“-Kampf mit sprachlichen Kniffen zu gewinnen. Schopenhauer hat in „Die Kunst, recht zu behalten“ auch was geschrieben, wenn ich mich recht entsinne.

Ich vermute auch, dass gerade passiv-aggressive Kommentare in den Medien in unserer Post-Kalter-Krieg-Gesellschaft wohl unersetzlich geworden sind, da internationale politische Beziehungen mit den Jahrzehnten zunehmend intransparenter und integranter geworden sind - und der Durchschnittsbürger keine besseren Mittel als die Polemik zur Hand hat.

Und ich als kleiner Polemiker (zumindest in meinen Klausuren ;D) muss Folgendes noch loswerden:
Die Polemik ist unbedingt von wüst ausgestoßenen Beleidigungen und irrationalen Scheinargumenten zu unterscheiden. Zwar beruht der Hang zur Polemik wohl auf mangelnder Empathie gegenüber des Gesprächspartners. Sie ist jedoch nicht primitiv in ihrer Natur, sondern eiskalt kalkuliert.
Es ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen eines stumpfen Frontalkampfes und einer ausgeklügelten Assassination.
« Letzte Änderung: 25. Juni 2018, 23:28:05 von Daphnis »

Offline Daphnis

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Antw:Was ist Polemik?
« Antwort #3 am: 25. Juni 2018, 23:25:45 »
Aber wo ich es mir recht überlege, zählt schon ein geschmackloser Trump-Seitenhieb heutzutage als Polemik... das liegt dann wohl, glaube ich, eher im sozialen Kontext begründet...