Autor Thema: Ich fühle mich anders/doof/absonderlich.  (Gelesen 481 mal)

Offline seltsam

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Ich fühle mich anders/doof/absonderlich.
« am: 26. Februar 2018, 12:34:00 »
Hey Leute!

Ich stelle mich mal kurz vor: Ich bin Kathrina, 23 Jahre alt und komme aus der Nähe von Berlin. Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin, aber wenn nicht, dann ist das hoffentlich auch nicht schlimm. ^^"

Ich hatte immer das Gefühl, anders, komisch, sonderbar zu sein.
Von meiner Familie weiß ich, dass ich schon früh sehr gutes Deutsch gesprochen habe und ich bereits als Kleinkind eigensinnig war und viele Interessen hatte.
Aus meiner eigenen Erinnerung weiß ich, dass ich öfter beim Spiel "den Ton angegeben habe", wenn ich mit Kindern gespielt habe, aber dass ich auch des Öfteren allein spielte. Ich hatte nie viele Freunde oder einen besten Freund, aber wenn ich mit jemandem Freundschaft schloss, war diese Person meist etwas älter oder etwas jünger als ich. Des Weiteren besaß ich eine blühende Fantasie (Spielen mit imaginären Feen, Tieren, etc.), hatte einen imaginären Freund und wollte generell lieber ein Junge sein, weil mir die Mädchen zu zickig waren. Dennoch war ich eher mit Mädchen befreundet als mit Jungen, obwohl ich Lego, Matchboxautos und sogar Briefmarken den Puppen vorzog.
Ich weiß noch, wie neidisch ich war, als die Nachbarstochter, mit der ich sehr gut befreundet war, schon in die Schule gehen durfte und ich noch in die Kita gehen musste. Während der Grundschulzeit gehörte ich in meinem Jahrgang zu den besten Schülern. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich in den "Leistungskursen" Deutsch, Mathematik und Englisch war, die extra für die Klassenbesten eingerichtet worden sind, um sie mental "auszulasten". Ich war sehr angepasst, weil mich Mitschüler als nervig empfunden haben. Angeblich hätte ich zu viel geredet und um zu gefallen, wurde ich danach sehr still und habe nur noch das gemacht, was meine "Freundinnen" von mir wollten. Wenn ich in ihren Augen einen Fehler beging, redete plötzlich niemand mehr mit mir, obwohl ich aus meiner Sicht das Richtige tat. Beispielsweise hatte eine Freundin sehr starken Liebeskummer, weil sie sich mit ihrem Schwarm gestritten hatte. Ich unterhielt mich mit ihm und er fragte, weshalb die Freundin so traurig sei. Meine Antwort war, dass er sich einfach bei ihr entschuldigen und die zwei sich wieder vertragen sollen. Irgendwie muss dann raus gekommen sein, dass ich den Anstoß gab und das war aus Sicht der Freundin und der anderen Mitschüler falsch. Das war nicht der einzige Vorfall, bei dem ich danach aus spielerischen Aktivitäten ausgeschlossen wurde.
Auch weiß ich noch, dass meine Eltern mich fragten, ob ich nach der vierten Klasse in der Grundschule bleiben möchte oder ob ich in eine Schnellläuferklasse auf einem Gymnasium wolle. Ich habe mich für die Grundschule entschieden, weil ich keine neuen Leute kennen lernen wollte. Als ich mit 12 Jahren auf das Gymnasium kam, hatte ich Schwierigkeiten Freundschaften zu schließen. In der siebten Klasse hatte ich keine Freundschaften, meine Mitschüler schlossen mich aus, weil ich wohl wieder einmal als nervig empfunden wurde. Erst in der achten Klasse schaffte ich es, mich einigen Mitschülerinnen anzunähern, während ich mich auch da nie wirklich dazugehörig fühlte. Ich hatte mir in der Zeit häufiger von diesen "Freundinnen" sagen lassen, dass sie mich zwar eigenartig fanden, aber irgendwie mochten sie das. In diesen Freundeskreis zu gelangen, war für mich anstrengend, weil ich mich wieder anpassen musste, um zu gefallen und weil ich häufiger für dumm gehalten wurde, einfach weil ich als Teenager schon ironisch war und es niemand verstand.
Außerdem mobbten mich einige Mitschüler aufgrund meines Kleidungsstils. Bereits nach der vierten Klasse hatten meine Leistungen plötzlich abgenommen. Die beste Note, die ich mal nach Hause brachte, war eine drei. Ich muss sagen, dass mich ab der Mittelstufe Schule weniger interessierte, da ich durch meine schlechten Leistungen der Meinung war, ich sei zu blöd und könne von Glück reden, dass die Atmung vom vegetativen Nervensystem gesteuert wird. Ich "vergas" häufiger Hausaufgaben und Arbeitsmaterialien (entweder zu Hause oder in der Schule), weil ich es nicht eingesehen habe, diese Erbsenzählerei zu erledigen ("Weshalb muss ich unendlich lange Verkettungen von x'en und y's addieren und subtrahieren? Das ist mir zu blöd, außerdem kann ich sowieso nichts, also mache ich das nicht", um mal ein Beispiel zu nennen). Es gab Lehrer, die mich haben spüren lassen, wie viel sie von mir hielten. Bei meiner Englischlehrerin bin ich häufiger eingeschlafen, da ich an ihrem Privatleben nicht interessiert war. Sie schien es jedoch als Desinteresse für ihr Fach zu deuten. Als ich 14 war, wollte ich über die Schule für zwei Wochen nach England, damit ich die Sprache verbessern konnte. Wir hätten nicht in einem Hostel geschlafen sondern bei Gastfamilien.  Das Interesse an dieser Fahrt war allerdings so groß, dass die Zahl der Schüler, die mitfahren durften, limitiert wurde.  Kurz vor der Fahrt fielen jedoch einige Schüler aus. Dafür durften andere via Nachrückverfahren oder Los mit. Meine Englischlehrerin empfand das Nachrückverfahren als unfair und ließ Lose ziehen. Es gab insgesamt zwei "Gewinner" und natürlich zählte ich dazu. Eine Freundin von mir fing an zu weinen, da sie eine Niete zog. Die Lehrerin veranlasste eine neue Ziehung, als sie sah, dass ich eines der "Gewinner"-Lose gezogen hatte. Beim zweiten Mal zog ich natürlich die Niete und meine Freundin das "Gewinner"-Los. Ich habe mich für sie gefreut, aber die Rede, die die Lehrerin danach schwang, verletzte mich sehr. Sie erwähnte zwar nicht meinen Namen, erzählte aber, dass sie es nur fair fände, dass nun alle Schüler mitfahren dürfen, denen sie das wirklich gönne und die von der Fahrt profitieren können und dass sie es sich niemals verziehen hätte, wenn Schüler mitgefahren wären, die sich für die Sprache und ihren Unterricht absolut nicht interessieren.
Ich glaube das muss in der neunten oder zehnten Klasse stattgefunden haben: Wir hatten in Mathe eine Klausur geschrieben und bekamen diese wieder. Ich hatte trotz Nachhilfeunterricht eine vier oder sogar eine fünf geschrieben und eine Freundin, neben der ich saß, bekam eine eins Minus. Sie weinte und ich versuchte sie zu trösten, als sie sagte, für ihre schlechte Leistung kriege sie Ärger. Ich sagte sowas wie: "Das ist durch Mitarbeit doch ausgleichbar" und sie antwortete, dass ich nicht wüsste, wie das ist, ständig gute Noten zu schreiben und dann mit der Leistung so abzusacken wie sie, weil ich noch nie gute Noten geschrieben hätte, da ich nicht lernte und immer schlief.
Nach der zehnten Klasse wechselte ich die Schule, weil mein Vater der Meinung war, es wäre eine gute Entscheidung, mich ohne jegliche Absprache einfach an einem anderen Gymnasium anzumelden. An der neuen Schule hatte ich auch Anschlussschwierigkeiten. Über mich wurden Gerüchte gestreut, ich würde Drogen nehmen, wahrscheinlich weil ich "die Neue" war und ich wieder wegen irgendwas aneckte. Die 11. Klasse musste ich wiederholen, weil ich an Schule eigentlich überhaupt nicht mehr interessiert war. Im zweiten Anlauf hatte ich weniger Schwierigkeiten Kontakte zu knüpfen. Diesmal wollten sogar die "Coolen" mit mir abhängen, aber ich fühlte mich in dem Klientel unwohl, eben wieder total anders. Ein Mitschüler fragte mich mal, wieso ich denn mit dem "Inzest"-Kreis abhänge und nicht mit seinen Freunden. Ich war ehrlich und sagte, dass ich seinen Freundeskreis und ihn unsympathisch fand und er sich durch seine Frage nicht unbedingt aufgewertet hatte. Ich war nun nicht unbedingt beliebt, dafür hatte ich einen Freundeskreis, indem ich mich nicht mehr so stark anpassen musste.
Nachdem ich mein Abitur bestanden hatte, begann ich eine Ausbildung in der Krankenpflege. Ab dem ersten Tag fiel es mir nicht schwer, mit anderen Leuten in Kontakt zu treten und ich hatte mich auch gleich mit zwei jungen Frauen, die fast 10 Jahre älter waren als ich, sehr gut verstanden, aber auch da war wieder dieses Gefühl des anders Seins. Ich habe mich sowieso schon immer gefragt, wie ich es geschafft habe, mein Abitur zu bestehen, weil merken konnte ich mir nichts und dumm wie Brot war ich ja sowieso. Während der Ausbildung wurde dieses Gefühl von "Ich bin dumm und alle anderen sind schlau" immer stärker. Ab da kam auch noch hinzu, dass ich mich für absolut humorlos empfand. Niemand verstand, worüber ich lachte und wenn ich erklärte, was sich vor meinem inneren Auge abspielte, wurde es nur noch unlustiger. Wenn ich gefragt wurde, wie gewisse Prozesse im Körper abliefen, konnte ich mich darüber belesen, es danach wiedergeben und erklären, aber sobald diese Thematik im Unterricht angesprochen wurde, habe ich vor lauter Details und Fragen von Mitschülern nichts mehr verstanden.
Während der Ausbildung habe ich mir sehr oft gesagt, dass ich entweder ein kommunikativer Krüppel oder dumm oder einfach beides sei. Auch während der Praktika auf unterschiedlichen Stationen eckte ich an. Häufig bin ich mit Schulpraktikanten und FSJlern zusammengestoßen, wenn sie Aussagen trafen wie: "Ich verstehe nicht, weshalb ich diesem Patienten Essen hinstellen soll, wenn er doch sowieso stirbt. Das ist absolute Verschwendung von Lebensmitteln". Während eines Praktikums bin ich mit einer bereits examinierten Kollegin aneinander gerasselt, weil ich fragte, was es für einen Hintergrund habe, dass jede Schwester ihre Akten anders anordnet und der darauffolgende Dienst erstmal damit beschäftigt sei, die Kurven wieder individuell richtig anzuordnen. Ich merkte an, dass ich dieses ständige Umsortieren als Zeitverschwendung empfand und ich es eher mag, wenn die Akten so angeordnet sind wie auf allen anderen Stationen auch. Die Schwester entgegnete mir, dass ich doch im dritten Lehrjahr wissen müsse, wie die Akten angeordnet seien und sie an meiner Kompetenz zweifle, wenn ich mit ihrer Ordnung nicht klar käme, da ich das im ersten Lehrjahr hätte lernen müssen.
Ich bin sehr wohlbehütet aufgewachsen. Ich war der ganze Stolz der Familie, weil ich wohl ein schlaues Kind war und dann kam mein Bruder auf die Welt. Aber ich denke, dass sich jedes erstgeborene Kind komisch fühlt, wenn die ganze Aufmerksamkeit auf dem kleinen Geschwisterchen liegt. Jedoch gab es zwischen mir und meinem Bruder kleinere Auseinandersetzungen, vor allem dann, wenn ich mal wieder erzieherische Aufgaben übernehmen musste. Wahrscheinlich habe ich auch alle "Ungerechtigkeiten", die ich in der Schule erlebt habe, an ihm in irgendeiner Form ausgelassen. Dennoch ging das Schicksal auch an uns nicht vorbei. Meine Eltern haben sich getrennt und ich wollte eine Stütze für meine Eltern sein. Demnach hat sich das Eltern-Kind-Gefüge wahrscheinlich einmal gedreht. Ich habe mir, bis ich 14 Jahre alt war, die Sorgen meiner Mutter angehört und ab meinem 15. Lebensjahr habe ich für meinen Vater sogar ein paar Beziehungen beendet. Mittlerweile ist meine Mutter seit ca. fünf Jahren wieder in Thailand (ich bin zur Hälfte Thailänderin).
Einige würden von mir wohl sagen, ich sei ein absoluter "Kopfmensch". Entweder war ich das schon immer oder ich bin es erst geworden. Durch das Erlebte der letzten 13 Jahre habe ich eine Depression entwickelt und war bereits in klinischer Behandlung. Ich musste auch häufig feststellen, dass meine Ehrlichkeit und Direktheit mich anscheinend nicht weit bringt, da ich sie wohl nicht unbedingt diplomatisch an den Mann bringe und/oder für dumm gehalten werde. Selbst meine Familie sagt, ich sei zu ehrlich, zu direkt und diese Eigenschaften seien im Arbeits-, aber auch im Privatleben, nicht förderlich. Sie befürchten meine Ehrlichkeit könnte mir irgendwann schaden.
Des Öfteren sagen mir Bekannte, Freunde und manchmal sogar Fremde, dass sie mich für älter schätzen als ich eigentlich bin und Freunde müssen manches Mal innehalten, weil sie sich nochmal klar werden müssen, dass ich deutlich jünger bin als sie und einige Erfahrungen noch nicht gemacht haben kann. Aber ich weiß auch, dass mein Denken in vielen Fällen oft weiter ist, als das meiner Altersgenossen, aber wahrscheinlich sind mein Handeln und meine Emotionen nicht kongruent zu meiner "geistigen Reife".
Ich würde gerne einen IQ-Test absolvieren, aber ich habe unglaubliche Angst davor, dann offiziell dumm zu sein. Obwohl ich dann vermutlich sogar eine allgemeingültige Ausrede für alles hätte: "Sorry, mir fehlt offiziell eine Windung im Hirn. Ich kann nichts dafür!"

Falls ihr bis hier hin gelesen haben solltet: Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit und ich freue mich über eure Antworten.

Habt noch einen schönen Tag!
"Wenn du ein Problem hast, versuche es zu löse. Kannst du es nicht lösen, dann mache kein Problem daraus."

Buddha

Offline Leuchtzwiebel

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Antw:Ich fühle mich anders/doof/absonderlich.
« Antwort #1 am: 27. Februar 2018, 03:30:28 »
Hey Katharina,

herzlich willkommen im Kubus! Deiner Geschichte nach zu urteilen bist du hier goldrichtig - die Problematik mit der nicht verstandenen Ironie und dem "Sonderbar fühlen" kennen hier Einige.
Danke für deine interessante und authentische Vorstellung, ich hab sie sehr gerne gelesen! Ich bewundere die Klarheit, mit der du dich selbst beschrieben hast - bei mir wäre das in totalem Chaos geendet, glaube ich. ^^

Schreibst du auch privat, und wie verbringst du sonst deine Freizeit?

Mit hundertprozentiger Ehrlichkeit fühle ich mich übrigens am wohlsten, auch wenn sie manchmal weh tut...aber ernsthafte Kritik erdet mich und regt mich an, mich zu verbessern, während Höflichkeitsgedöhns mich in trügerischer Sicherheit wiegt. Da kriege ich lieber mal in die Fresse, weiß dafür aber, woran ich bin. Ich sehe Direktheit also als durchweg positiv an.

Wenn deine Meinung öfter verletzend bei anderen ankommt: Hast du schon mal über Kommunikations-Training nachgedacht, sowas in die Richtung "Wie gebe ich sachliches, konstruktives Feedback"? Ich habe mal ein/zwei Kurse zu dem Thema besucht und fand sie wirklich hilfreich.
Oder es liegt einfach daran, dass deine Mitmenschen nicht kritikfähig sind...das ist dann aber deren Problem, nicht deins. :P

Hmjoa, fühl dich wohl hier; auch, wenn das Forum momentan etwas nackig und ungemütlich aussieht. Ich freue mich auf spannende Diskussionen mit dir!

Liebe Grüße
von einer Namensbase
« Letzte Änderung: 27. Februar 2018, 04:17:37 von Leuchtzwiebel »

Offline Stern

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Antw:Ich fühle mich anders/doof/absonderlich.
« Antwort #2 am: 28. Februar 2018, 16:37:39 »
Hi Katharina,

Herzlich Willkommen! Wie Leuchtzwiebel schon erwähnt hat, bin auch ich der Meinung, dass du hier absolut richtig bist.
Das, was du beschreibst, kenne ich auch, sodass der Text bezüglich deiner Erfahrungen in der Schulzeit fast von mir hätte geschrieben worden sein können.
Hast du noch vor zu studieren? Was sind deine Interessengebiete? Bist du in diesem Berufsfeld jetzt schließlich tätig oder machst du noch deine Ausbildung?

Liebe Grüße
Shinelikeastar
Stars can't shine without darkness.

Janina

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Antw:Ich fühle mich anders/doof/absonderlich.
« Antwort #3 am: 28. Februar 2018, 20:01:01 »
Beitrag gelöscht
« Letzte Änderung: 18. Mai 2018, 18:35:27 von Janina »

Offline provinzler

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  • The Ugly
Antw:Ich fühle mich anders/doof/absonderlich.
« Antwort #4 am: 3. März 2018, 21:41:21 »
Hallo Katherina,

herzlich willkommen hier beim Kubus!
Was du so erzählst und schreibst haben viele von uns in ähnlicher Form erlebt, insbesondere das Gefühl der eigenen Unangepasstheit/Unzulänglichkeit.
Viel Spaß hier!

Yesterday is history, tomorrow is a mystery, today is a gift, that's why it's called the present.