Autor Thema: Gerechtigkeit der (vorerst) normalverteilten Intelligenz  (Gelesen 162 mal)

Offline Daphnis

  • Hat sich schon mal umgesehen
  • *
  • Beiträge: 37
  • Geschlecht: Weiblich
Ich habe keine Ahnung, ob das die richtige Abteilung ist.  ;D Naja. Los geht's:

Wir sind wohl alle irgendwie hier gelandet, weil wir auf der Glocke ziemlich weit rechts landen - wie ein Prüfer mittels eines standardisierten Test (eventuell) uns offenbart hat.
Hochbegabt. Eine Gabe. Von wem? Gott? Zufall? Die Frage lasse ich offen...
Aber warum? Nach welchen Kriterien wurden wir beurteilt? Ist es gerecht, dass die Intelligenz normalverteilt ist? Dass selektiven Individuen ein „Vorrecht“, ein biologischer (eher neurologischer) Vorteil verschafft wird? (Ist aber bekanntlich Definitionssache.)

Was wäre, wenn Intelligenz wirklich streng nach dem Gleichheitsprinzip verteilt wäre? Also demokratisch, im Grunde genommen. Wäre das nicht echt „gerecht“??

Oder übersehe ich was?  ???


Offline provinzler

  • Mod-Team
  • Wohnort Kubushausen
  • *****
  • Beiträge: 1976
  • Geschlecht: Männlich
  • The Ugly
Antw:Gerechtigkeit der (vorerst) normalverteilten Intelligenz
« Antwort #1 am: 29. Juni 2018, 22:20:17 »
Nun erst einmal, Intelligenz ist zunächst einmal das was wir als solche messen, d.h. sie ist normalverteilt, weil wir die Skala entsprechend einer Normalverteilung normiert haben. Die Testskalen werden genau so kalibriert, dass die Ergebnisse einer Normalverteilung entsprechen mit einem Mittelwert von 100 und einer Standardabweichung von 15 (24 in der in den USA üblichen Skala). Mit anderen Worten: Der IQ misst die relative Position innerhalb der Population und keine absoluten Intelligenzleistungen.

Es gibt den alten Witz, dass Verstand die einzig gerecht verteilte Ressource ist, weil jeder glaubt genug davon zu haben. Ich frage mich auch, welchen Mehrwert eine solche Fragestellung haben soll, da wir m.W. keine praktikable Möglichkeit haben Intelligenz in irgendeiner Form "umzuverteilen", selbst wenn wir der Meinung wären, es wäre so gerechte. Ich halte es für ziemlich müßig, sich bei angeborenen Merkmalen über Gerechtigkeit zu unterhalten. Ist es gerecht unterschiedliche Haut-/Augen-/Haarfarben zu haben? Ist es gerecht, dass manche Menschen attraktiver aussehen? Ist es gerecht, dass manche Menschen größer/kräftiger/gesünder sind als andre?

Demokratie bedeutet im Übrigen auch nicht, dass alle das gleiche haben oder haben sollten. Es ist ein Mechanismus, der er es ermöglich unbeliebte Herrscher auf friedlichem Wege loszuwerden statt durch Bürgerkrieg und Putsch. Egal welche Kriterien du heranziehst ob nun genetisch bedingte oder solche die Ergebnisse freier Entscheidungen sind, die Menschheit wir immer ziemlich heterogen sein, die Interessen werden immer gegensätzlicher Natur sein. 
Yesterday is history, tomorrow is a mystery, today is a gift, that's why it's called the present.

Offline jumpaaa

  • Dauergast
  • ***
  • Beiträge: 161
  • Geschlecht: Männlich
Antw:Gerechtigkeit der (vorerst) normalverteilten Intelligenz
« Antwort #2 am: 29. Juni 2018, 22:23:07 »

Oder übersehe ich was?  ???


Ja.

*räusper*

Lass mich erst wiederholen wie ich dich verstanden habe um zu sehen dass ich dich richtig verstanden habe. Du fragst: a) ist es gerecht, dass Intelligenz normalverteilt ist? und zweifelst es b) dadurch an dass du sagst durch Intelligenz würde bestimmten Personen ein Vorteil verschafft. Wie genau dieser Vorteil aussieht bleibt im Dunkeln. c) Schlägst du auf der Hypothese aufbauend dass falls die Normalverteilung ungerecht sei eine Gleichverteilung als gerechter vor.

Hierzu mein Senf i.e. meine bescheidene Meinung i.e. gelogen, meine Meinung ist gar nicht bescheiden.

a)
Wie kann man das Prinzip der Gerechtigkeit auf eine natürliche Gabe anwenden?

Ist Intelligenz überhaupt eine natürliche Gabe? Das vernüftigste zu dem Thema das ich bisher gelesen habe war in dem Buch "Intelligenz" (Stern/Neubauer), in dem ein Modell nature via nurture vorgeschlagen wurde, d.h. es gibt natürliche Veranlagungen, die durch die Umgebung unterdrückt oder entwickelt werden können und so jeweils einen großen Teil zum Ergebnis beitragen. Nehmen wir für diese Diskussion einfach an: nurture wäre perfekt, die Intelligenzunterschiede also rein genetisch bedingt. Ist das gerecht? Ist es, analog gesehen, gerecht dass manche Menschen blind zur Welt kommen, andere mit einem Herzfehler um nach einer Woche zu sterben, dritte mit natürlicher Bräune und vierte können essen was sie wollen ohne zuzunehmen?
Nein, natürlich nicht. Es ist definitiv nicht gerecht, ob man jetzt nach Gerechtigkeit des Resultats fragt oder nach Gerechtigkeit der Möglichkeiten. Das Problem ist nur: es ist auch nicht ungerecht. Weil niemand dafür verantwortlich ist, weil es niemand entschieden hat. Selbst wenn man an einen Gott glaubt, impliziert dieser Glaube, so wie ich es verstanden habe, dass Gott per se nicht ungerecht sein kann (das ist eine andere Geschichte).
Der Punkt ist: wenn man zu einer Sache weder sagen kann dass sie falsch ist noch dass sie richtig ist, dann ist die Frage unsinnig (Wittgenstein: Wovon man nicht reden kann, davon soll man schweigen).

Aber selbst wenn wir diese Überlegung ignorieren oder sie falsch ist, gibt es immer noch grundlegende Fragen zu

b)

denn es ist meiner Meinung nach noch lange nicht erwiesen dass hohe Intelligenz immer Vorteile gegen niedrige bringt. Dazu zuerst die Frage: was ist ein Vorteil? Dazu gibt es mehrere Ansätze, je nachdem welches Ziel der "Wettbewerb" hat in dem man den Vorteil will, mir fallen spontan ein: das Lustprinzip (das hieße wer besonders intelligent ist ist besonders glücklich) oder das evolutionäre (wer besonders intelligent ist zeugt besonders viele Nachkommen die ihrerseits viele Nachkommen...). Ich schaue hier nur auf das evolutionäre.

Prinzipiell muss man sagen: hohe Intelligenz ist evolutionär von riesigem Vorteil und hat den Menschen innerhalb kürzester Zeit zur dominierenden Figur seiner Umwelt gemacht (https://www.youtube.com/watch?v=ImYu9dJM4kQ). Die Intelligenz steigt seit sie gemessen wird konstant an (was aber möglicherweise am immer noch für weite Teile der Bevölkerung ausbaufähigen nurture-Anteil liegt; wohlgenährte, gut gebildete Menschen von vor 200 Jahren waren uns heute wohl ebenbürtig; die Zeit seit es IQ gibt ist ohnehin zu kurz für evolutionäre Enwicklungen), und bleibt doch immer normalverteilt mit gleichen Abweichungen links wie rechts. Warum? Man könnte sagen: weil sie sehr kompliziert ist; und wenn etwas nur kompliziert genug ist kommt immer Gauß raus. Vielleicht ist der Mittelwert den wir jetzt haben einfach das Beste, das die Biologie bisher geschafft hat und alle Ausläufer sind Glück oder Pech. Dann wäre eine Gleichverteilung ziemlich unglücklich für die Menschheit, denn wir müssten auf all die Genies verzichten, die uns einige Schritte nach vorne gebracht haben (Gauß zB). Vielleicht kommt Intelligenz biologisch gesehen auch immer mit einem Preis, wie vllt bei Nietzsche der Anfang zwanzig Professor war und Ende vierzig als Irrer im Käfig ausgestellt wurde. Dass Intelligenz für sich alleine so einen hohen Stellenwert hat, ist auch nur eine Erscheinung in bestimmten eingeschränkten Kreisen; der Weg zur nächsten American High School ist nicht weit, wo die coolen Kids die sportlichen sind und die Nerds in die Spinde gesperrt werden.

Ich schweife ab und es ist schon ziemlich viel geworden.

Eine Sache noch, als Fazit. Gerecht ist nicht, dass alle das gleiche Ziel erreichen. Gerecht ist, dass jedem einzelnen die gleichen Vorraussetzungen gegeben werden. Die Intelligenz ist aber nicht Teil der Vorraussetzungen, sondern sie ist Teil des "jedem einzelnen" dem diese Vorraussetzungen gegeben werden.
Die schärfsten Kritiker der Elche
waren früher selber welche.
-Robert Gernhardt-

:3

Offline Tanja_

  • Hat sich schon mal umgesehen
  • *
  • Beiträge: 37
  • Geschlecht: Weiblich
Antw:Gerechtigkeit der (vorerst) normalverteilten Intelligenz
« Antwort #3 am: 30. Juni 2018, 14:12:46 »
Ach Schade, jetzt hab ich deinen Text gelesen, mir gefühlt schon so viel gedacht was man entgegnen könnte und dann haben doch provinzler und jumpaaa das schon alles geschrieben ^^
Dem kann ich leider gar nichts mehr hinzufügen, aber lass uns doch mal wissen was du dazu denkst oder ob es noch ergänzende Fragen/Dinge, wo wir dich falsch verstanden haben, gibt :)
Never give up your freedom in orders to gain security, because you‘ll eventually lose both 🌌